Region 13

Bayerischer Wald, Unterbayern, Oberbayern, Chiemgau


Die Roseninsel
Eine landschaftsmythologische Betrachtung
Gisela Lässig


Es handelt sich um einen Auszug aus der Abschlussarbeit von Gisela Lässig
an der Akademie HAGIA (Heide Göttner-Abendroth)


Entstehungsgeschichte des Starnberger Sees

Der Starnberger See liegt etwa 20 km südlich von München. Er ist ein Gletscher-zungenbeckensee und entstand aus dem Isar-Loisach-Gletscher vor ca. 15.000 – 8.000 Jahren am Ende der letzten Eiszeit (Würm-Eiszeit). Er ist der längste und wasserreichste See Bayerns, flächenmäßig der Zweitgrößte. Er besitzt ein relativ kleines Wassereinzugsgebiet mit vielen kleinen Zuflüssen und wird überwiegend aus Niederschlägen und Grundwassereintrag gespeist. Im Unterschied zu anderen bayerischen Seen hat er keine Zuflüsse aus den Alpen. Dadurch, dass keine größeren Mengen an Geröll eingetragen werden, ist die Form des Sees heute noch annähernd die, die er bei seiner Entstehung hatte. So wie er heute ist fanden ihn die ersten SiedlerInnen vor. Nur kleinere Gebiete im Süden und Norden (Leutstettener Moor) sind inzwischen verlandet.[1]

Das Moränengebiet mit seinen sanften Hügeln, in das der See gebettet ist, zeigt die Kennzeichen eines wenig entwickelten Gewässernetzes. Nach dem Eisrückzug blieben in den Senken sehr viele kleine Seen zurück, die verlandeten. Später tauten auch die Toteiskörper auf, das sind solche, die mit Schotter bedeckt waren und deshalb lange Eiskörper blieben. Sie bildeten z.T. tiefe Seen, von denen einige noch heute existieren. Die Landschaft ist seenreich, aber flussarm.[2] Wie auf unsere Ahninnen und Ahnen diese vielen kleinen fischreichen Seen, glucksenden Bächlein, murmelnden Quellen, die feuchten Moorgebiete, die bezaubernde Stille, die sternenübersäte, mondbeschienene Dunkelheit in der Nacht, der sanfte, warme Föhnwind, der das blaue Band der Alpen fein plastiziert und der Ruf der Wasservögel gewirkt haben mögen: 

Wasser spielte kulturgeschichtlich zu allen Zeiten eine wichtige Rolle. Ohne Wasser kein Leben. Es war Eingang zur Unterwelt und Sitz des Todes sowie gleichermaßen des sich erneuernden Lebens. Quellen wurden als heilige Kultstätten, als Weisheits- und Schicksalsquellen verehrt und waren Sitz von Wassergöttinnen.[3] Auch Frau Holle wiegte nach altem Wiedergeburtsglauben in der Tiefe ihrer Seen und Seelenberge eine goldene Wiege und hütete darin die AhnInnenseelen und badete in ihren heiligen Gewässern im Frühling. Sie konnte jungen Frauen beim Baden Schwangerschaft schenken.[4] Hier also ein Land voller Wasser und Moore. Es muss einen ganz besonderen Zauber auf die Menschen ausgestrahlt haben.

Die Würm-Eiszeit, die diese Landschaft geschaffen hatte, wurde benannt nach der Würm, dem einzigen Abfluss des Sees. Kilometerdicke Gletscher schoben von den Alpen große Mengen von Geröll vor sich her, das die Wasser der schmelzenden Eismassen nach Norden bewegten. So entstand die Münchner Schotterebene. Die Endmoränen reichen bis kurz vor das Gebiet Münchens. Die Gletscherzunge selbst ging bis zur Karlsburg bei Leutstetten, nördlich des Sees. Die ehemals vom Eis gebildeten Seebecken sind heute die „Münchner Hausseen“, darunter der Starnberger See.

Der Blick vom See aus nach Süden auf das wunderbare Alpenpanorama geht vom Karwendelgebirge über die Benediktenwand, Jochberg und Herzogstand bis zur Zugspitze, jeder einzelne Berg einst heiliger Sitz der Großen Göttin.

Megalitische Bauten oder Steinkreise gibt es um den Starnberger See nicht. Um die gesamte Nordspitze des Sees hatte das Eis aber Findlinge mitgebracht, sog. erratische Felsblöcke. Heute sind sie weitgehend beseitigt. Die Flurnamen am großen Stein und am hohen Stein weisen darauf hin, dass einzelne meterhohe Findlinge nicht nur im Boden, sondern auch an der Oberfläche vorhanden waren. Auch der Goglnestacker soll heute noch voller eigroßer Steine sein.[5] Der bekannteste noch vorhandene Findling ist der von Percha. Er ist nicht leicht zu finden. Auch Alteingesessene kannten ihn nicht. Hat man ihn aber entdeckt, legt ein auf ihm befestigtes Kreuz die Vermutung nahe, dass er vor Einzug des Christentums kultische Bedeutung gehabt haben musste. Nur so erklärt sich, dass auf einem Stein mit starken Erosionsspuren und an unscheinbarer Stelle ein Kreuz angebracht ist. Von hier aus hat man nach fast allen Seiten einen freien Blick auf den Himmel und gute Sicht auf die Nordspitze des Sees. 

Die Indigenen Europas, auch die am Starnberger See, waren verbunden und eins mit der mütterlichen, nährenden Erde, mit Wasser, Luft, Felsen, Bergen, Inseln, Tieren, Pflanzen und allen Erscheinungsformen unserer schönen Welt sowie dem Kosmos. Sie haben auch diesen Stein als Form der universellen Urgöttinnen wahrgenommen und verehrt.



Die Roseninsel im Starnberger See

Die sehr kleine, 2,56 Hektar große Roseninsel ist als einzige Insel des Sees dem Westufer etwa 170 Meter vorgelagert und hat heute nur den Gärtner als Einwohner. Ihre Größe nimmt durch Verlandung zu. Sie bildete sich ca. 18-13000 v.u.Z. als höchste Erhebung eines Moränenhügels. Ob sich in matriarchaler Zeit über dem Wasserspiegel eine Hügelspitze abzeichnete? Heute ist sie flach.

Die symbolische Landschaftsbedeutung von Inseln lag für matriarchale Menschen darin, dass sie den Eingang zur Unterwelt darstellten, zu Andersweltparadiesen. Oft werden sie in Mythen auch als „Land von Glas“ bezeichnet, wo es weder Leid gibt noch Hitze und Frost.[6]


Besiedlung der Roseninsel bzw. des Starnberger Sees

Archäologische Funde

Die frühesten menschlichen Siedlungszeugnisse auf der Roseninsel stammen aus der Jungsteinzeit, Kernzeit des Matriarchats. Es wurden zwei Keramikscherben gefunden, die etwa 6000 Jahre alt sind und von der Münchshöfener Kultur stammen. Aus späterer Zeit fand sich Keramik von Menschen der Altheimer-, dann der darauf folgenden Chamer- und für das Ende der Jungsteinzeit der Schnurkeramischen Kultur.[7] Nirgends gibt es Gewaltspuren, die Kulturen folgten friedlich aufeinander. Aus späteren Epochen sind dann mehr archäologische Funde zu verzeichnen, solche aus der ausgehenden Frühbronze- (um 1500 v.u.Z.), aus der mittleren und späteren Urnenfelder- (um 1100-900 v.u.Z.) sowie der Frühlatènezeit (500-400 v.u.Z.).

Die wenigen Keramikfunde der jüngeren Jungsteinzeit lassen aus archäologischer Sicht keine länger dauernde, intensive Siedlungsphase auf der Insel erkennen. Das gleiche gilt für die etwas größere Anzahl der Funde aus der Zeit um 3000 v.u.Z. Daraus könnte man schließen, dass die Insel für kultische Zwecke genutzt wurde.

Erst seit ca. 1500 v.u.Z. lässt sich mit zahlreichen Fragmenten von Tongefäßen, der Gussform eines Bronzebeils, Gewandnadeln und Messern eine längerfristige Besiedlung nachweisen. Danach war die Insel wohl mehrere Jahrhunderte unbewohnt bzw. ungenutzt, anschließend gibt es wieder zahlreiche Funde für Siedlungsbelege wie 70 Gewandnadeln, sieben Bronzemesser, zwei Bronzebeile und vor allem einen Einbaum aus dem Jahr 900 v.u.Z. mit einer Länge von 13,46 m. Die dritte dauerhafte Besiedlungsphase beginnt im 5. Jt. v.u.Z. mit seiner keltischen, frühpatriarchalen Bevölkerung. Alle Funde stammen aus dem Flachwasserbereich überwiegend von der Westseite der Roseninsel.[8]

Gisela Lässig


Es handelt sich um einen Auszug aus der Abschlussarbeit von Gisela Lässig an der Akademie HAGIA bei Heide Göttner-Abendroth. Die vollständige Arbeit kann im Archiv von MatriaWis und im MatriArchiv ausgeliehen werden.





[1] Michael Peters und Hermann Jerz: Der Starnberger See, Verlag Dr. Friedrich Pfeil,
München, 2008, S. 35.

[2] Arne Friedmann und Michael Peters: Der Starnberger See, Verlag Dr. Friedrich Pfeil,
München, 2008, S. 11 f.

[3] Barbara Stamer: Märchen von Nixen und Wasserfrauen. Fischer 1987. S. 10 f.

[4] Heide Göttner-Abendroth: Frau Holle. Helmer Verlag 2005. S. 138 f.

[5] Wolf-Armin Frhr. v. Reitzenstein: 2007, Starnberger Stadtgeschichte, Band 1, S. 147

[6] Vgl. Heide Göttner-Abendroth: Fee Morgane. Der heilige Gral, 1995, S. 126

[7] Ulrich Schlitzer: Der Starnberger See, Verlag Dr. Friedrich Pfeil, München, 2008, S. 122

[8] H. P. Uenze: Die Roseninsel im Starnberger See – documenta naturae Nr. 174 2009 S. 1 ff.